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Das Verhalten von Lebewesen

ist durch viele Faktoren bestimmt. Um diese zu kennen bedarf es wissenschaftlicher Beobachtung. Sogenannte anekdotische Beobachtungen, wie sie jeder kennt, sind sehr unterhaltsam, lassen aber kaum verlässliche Schlüsse zu.


Die Ethologie hat sich zur Aufgabe gemacht. Tierverhalten in ungestörter Umgebung zu erforschen. Im Idealfall  wird der Beobachter vom Tier nicht wahrgenommen. Die Beobachtung bezieht sich auf natürlich auftretende Verhaltensweisen. In welchem Kontext treten sie auf? Was sind die Auslöser? Ist das Verhalten variabel oder starr? Wie beeinflusst das Verhalten eines Tieres das eines anderen?
Auf diese Art wurden immense Mengen an Informationen über ererbte Verhaltensweisen (Erbkoordinationen) aller möglichen Spezies gesammelt.
Manche Begriffe sind in die Alltagssprache übergegangen, z.B. Hackordnung, Alfa-Tier.
Es ergab sich ein Fundus an Kenntnissen über angeborene Verhaltensweisen und angeborene auslösende Reize. Zusammen mit dem Begriff des Triebs und der Triebbefriedigung  geriet das Tier in die Nähe eines reaktiven Wesens, dessen Verhalten vorgeschrieben scheint, während der Mensch sich der Willensfreiheit erfreut.
Der Behaviorismus hat sich zur Aufgabe gemacht, Tierverhalten in einer völlig vom Menschen kontrollierten Umgebung zu studieren. Reize waren vorgegeben, ebenso Verhaltensweisen, die dem Tier die Befriedigung von Grundbedürfnissen (Essen, Trinken, Ruhen) gestatten. Dazu hatte das Tier Aufgaben zu bewältigen. Es wurde beobachtet, wie schnell ein Tier sich einer neuen Situation anpassen konnte und wie ausdauernd es ein Verhalten wiederholen konnte, und welche Ereignisse Verstärker und Abschwächer für diese erlernten Verhaltensweisen waren.

McFarland




In modernenen Büchern über Verhalten wie dem oben gezeigten finden sich immer auch Kapitel über Lernverhalten aus heutiger Sicht. Für Details des operanten Verhaltens, wie der behavioristische Ansatz genannt wird, sind diese Bücher aber nicht ausreichend.

Bei Betrachtung des Verhaltens von Hunden ergibt sich ein Problem.
Ihre natürliche Umgebung ist der Mensch. Man kann ihn nicht aus der Situation entfernen, ohne damit das Verhalten des Hundes als Begleiter des Menschen zu ändern. Wildhunde, Streunerhunde und Müllhaldenhunde verhalten sich anders als Hunde im Haushalt.
Erst in jüngster Zeit gibt es Ansätze wissenschaftlicher Forschung über die Beziehung von Mensch und Hund im Zusammenleben.

Beide Betrachtungsweisen stehen in direktem Gegensatz zueinander. Da sich zudem die Ethologie in Europa im Fachbereich Biologie entwickelte, der Behaviorismus in den USA im Fachbereich Psychologie, waren gegenseitige Feindschaft und unauflösliche Kontroversen vorgezeichnet. Der "Erklärungsmonismus", der keine  Erklärungen zulässt, als auf den eigenen Hypothesen beruhende, verschärfte den Gegensatz, den man in die schlagwortartige Form:  Was ist ererbt - was ist erlernt? gebracht hatte.
Der Fehler in der Betrachtung liegt schon in der Fragestellung. Sie suggeriert die Beziehung

Verhalten = ererbtes Verhalten + erlerntes Verhalten

die immer wieder zu sinnlosem aber folgenschwerem Streit führt, wenn sie auf menschliches Sozialverhalten angewendet wird. Viel sinnvoller ist eine  Beziehung der Art

Verhalten = ererbtes Verhalten x erlerntes Verhalten

Ohne eine Veranlagung (Erbe) kann ein Verhalten nicht erlernt und verändert werden und ein ererbtes Verhalten wird nicht intensiviert und optimiert, wenn nicht Lernen dazu kommt. Natürlich muss man eine Basis zufälliger Verhaltensweisen berücksichtigen. In der Essenz sehen wir, dass ein Lebewesen typische Verhaltensweisen mit auf den Weg bekommt, die durch Lernen  verändert werden können.  An dieser Stelle setzt heute die Synthese der beiden Sichtweisen ein.
Den kritischen Schritt, den Konrad Lorenz selbst dazu beigetragen hat,  finden Sie unter Ethologie contra Behaviorismus.


Ererbt versus erlernt?

spielt bei der Einstufung von Hunderassen als "gefährliche" eine ganz wichtige Rolle. Der multiplikative Ansatz legt aber nahe, dass Vertreter dieser Rassen durch entsprechendes (geplantes) Lernen lediglich schneller und nachhaltiger zu gefährlichen Verhaltensweisen neigen.
Bei Vorenthaltung der entsprechenden Lernerfolge, würden sie sich kaum von anderen Rassen unterscheiden, vor allem, wenn nicht aggressive Verhaltensvariationen durch Lernen intensiviert werden.
Im Bereich menschlichen Sozialverhaltens wurde der Begriff des ererbten Verhaltens immer wieder benutzt, um ganze Gruppen, z.B. durch Hautfarbe gekennzeichnet, als nicht in eine bestimmte Sozialgemeinschaft  integrierbar abzustempeln.

Wer sich für moderne Ethologie in ihrem Selbstverständnis interessiert, sollte das folgende Buch lesen:

Kurt Kotrschal:  Im Egoismus vereint? Tiere und Menschentiere – das neue Weltbild der Verhaltensforschung

2. Auflage 2003, Filander Verlag Fürth, ISBN 3-930831-44-9


Lesen Sie, was  der kritische Rückblick auf die eigene Geschichte  sagt.

"Man nahm zunächst an, dass »Schlüsselreize«, also Auslöser für Erbkoordinationen, großteils erblich seien, während es sich nun zunehmend herausstellt, dass bei naiven Tieren zumeist nur grobe Reizkombinationen bzw. eine rasche Lernfähigkeit vorhanden sind. Für die Gültigkeit der Theorie ist es aber ziemlich unerheblich, ob Auslöser rein vererbt oder das Ergebnis eines prägungsähnlichen Lernprozesses sind."



"Der alte Streit, ob und in welchem Ausmaß Verhalten »angeborene oder erlernt« sei ist auch deswegen sinnlos, weil nur gelernt werden kann, wofür eine Lernfähigkeit evolutionär ausgebildet wurde. …

Konrad Lorenz nannte dies den »angeborenen Lehrmeister«, den er der tabula rasa der Lerntheoretiker gegenüber stellte, und Peter Marler prägte den schönen Begriff »Lerninstinkt« (instinct to learn)."

"Die extremen Standpunkte der Behavioristen sind heute Geschichte, ihre Ansätze und Methoden aber sind mittlerweile gewinnbringend in die moderne Ethologie eingeflossen."





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